| |
11. März 2004
Philipshalle - Düsseldorf
Support: Franz Ferdinand
Ich erinnere mich noch gut an eine längere
Autofahrt, auf der mir mein Radio freundlicherweise
die Liveübertragung eines Wir sind Helden-Auftritts
in Köln servierte. Was habe ich geflucht,
jedes Mal wenn ich aufgrund eines Funklochs Judiths
süße Songansagen verpasste! Damals
waren mir die meisten Helden-Songs noch unbekannt,
weshalb ich dem Konzert mit einer Mischung aus
Euphorie und Neugier lauschte.
Mittlerweile ist "Die Reklamation"
ein immer noch hübscher, aber eben alter
Hut für mich geworden, und so bin ich am
11. März, als ich mich auf den Weg nach Düsseldorf
mache, ehrlich gesagt um einiges gespannter auf
die Vorgruppe: Franz Ferdinand. Während der
Hinfahrt und der Wartezeit vor der Halle nerve
ich meine Mitfahrer beständig mit der Zeile
"Ich heiße superfantastisch, ich trinke
Schampus mit Lachsfisch" aus "Darts
Of Pleasure". Punkt 20 Uhr betreten die vier
Briten die Bühne und spielen ihre "Anheizerrolle"
mehr als gut: Ihr durch und durch rockendes Set
eignet sich brilliant zum "Mit-dem-Kopf-nicken"
und "Mit-dem-Fuß-auf-den-Boden-stampfen".
Ganzheitlichere Bewegungen verkneife ich mir allerdings,
denn die hinterlistigen Tempowechsel, die die
Gruppe gerne in ihre Stücke einbaut, können
die Tanzeinlagen eines noch nicht so gut mit der
Materie vertrauten Hörers ziemlich schnell
ziemlich blöde aussehen lassen. Nichtsdestotrotz
haben sich Franz Ferdinand am Ende ihres Auftritts
viele neue Freunde gemacht.

Kurz nach 21 Uhr geht dann zum zweiten Mal das
Licht aus und Judith, Pola, Jean und Mark nehmen
zu den Klängen von "Caravan of Love"
(dem Klassiker der Housemartins) ihre Plätze
ein. Dann fetzen sie mit "Ist das so?"
los und haben die ausverkaufte Halle binnen weniger
Sekunden voll und ganz in ihrer Hand. Neben der
"Reklamation" in voller Länge gibt's
zwei B-Seiten, zwei Coverversionen (von Ton, Steine,
Scherben und New Model Army - beide sehr gelungen!),
sowie zwei neue Stücke, "Echolot"
und "Wenn es passiert", die einen ersten
Beweis dafür antreten, dass Wir sind Helden
kein "One-Album-Wonder" bleiben werden.
Sängerin Judith sagt die beiden "Neulinge"
so liebenswert-schüchtern an, dass ich beinahe
versucht bin, ihre Natürlichkeit für
eine Masche zu halten. Aber zugegeben: Selbst
wenn dies der Fall wäre, würde ich gerne
auf sie hereinfallen. Man muss sie einfach mögen,
diese Judith!

Spätestens als die Bühne bei der Textzeile
"...und über den Rand" (aus "Du
erkennst mich nicht wieder", meinem persönlichen
"Ganzkörpergänsehautlied",
das mich trotz seiner Schlichtheit berührt
wie kein anderer Helden-Song) plötzlich hell
erleuchtet wird und die losgelassene Soundlawine
mit voller Wucht aus den Boxen dröhnt, weiß
ich, dass sich der Konzertbesuch gelohnt hat.
Von diesem perfekten Moment kann ich nämlich
auch noch während der wenigen Schwachstellen
dieses Abends zehren. Doch sogar Songs wie das
totgedudelte "Aurélie" (mit nettem
Acapella-"Schubidu-Schubiduwapdadada"-Intro)
oder die neue Single "Denkmal" (der
sicherlich schon bald das gleiche Schicksal blühen
wird) kommen live wieder unverbrauchter daher
und können überzeugen.

Von Zeit zu Zeit fühle ich mich etwas "deplaziert",
wenn Zwölfjährige, die gestern noch
Benjamin Blümchen-Kassetten hörten,
heute wenige Meter neben mir ausgelassen zu "Rüssel
an Schwanz" herumhopsen. Aber schon im nächsten
Moment ohrfeige ich mich selbst für solchen
Snobismus, denn schließlich ist es in keinster
Weise peinlich, sondern vielmehr bewundernswert,
wenn es einer Gruppe gelingt, präpubertäre
Mädchen, zottelige Langzeitstudenten und
40-jährige Mütter mit Nena-Gedächtnisfrisur
gleichermaßen zu begeistern. Judith Holofernes
schafft den Spagat zwischen netter Kindergartentante
und alternativem Sexsymbol jedenfalls mit Links.
Der letzte Song des Abends ist nach grob geschätzten
90 Minuten naheliegenderweise "Die Nacht",
mit dem die Helden ihr Publikum in selbige entlassen.
Liebe Leser, kauft weiterhin CDs der bescheidenen
Band mit dem unbescheidenen Namen, besucht ihre
Konzerte und überhäuft sie mit Echos!
Liebe Helden, bleibt bitte wie ihr seid!
(af)
Fotoquelle: Labels
Net_1: www.wirsindhelden.com
Net_2: www.franzferdinand.co.uk
|
|