05. März 2004
Knaack Club - Berlin
Support: Josh Ritter
Pünktlich angekommen. Schnell noch die Blase
leeren, bevor es losgehen kann. Unten im Keller
bei den Toiletten steht jemand. Den kenne ich
doch, schießt es mir durch den Kopf. Dieser
charakteristische Lockenschopf. Josh Ritter aus
Iowa/USA. Sprichst du ihn an? Nein, stör
ihn nicht, er unterhält sich gerade. Gedanken
eines Feiglings. Lockere, vorüberziehende
Schritte. Toilette. Geschäft erfolgreich.
Josh verschwunden. Hoch die Treppe.
Ah, da ist er ja wieder! So schnell. Die Bühne
erklommen, hängt er sich seine Akustikgitarre
um und begrüßt sein Publikum. Als die
ersten warmen Töne erklingen, zischt das
Bier. Gedanken an den frühen Dylan oder Springsteen.
Man merkt sofort, dass diese kleine Örtlichkeit
hier wie geschaffen für Singer/Songwriter
ist. Eine gemütliche, heimelige Atmosphäre.
Einzig und allein die breiten Deckenstützpfeiler
stören die Sicht. Alle Besucher stehen dicht
gedrängt, lassen aber artig aneinander vorbei,
wenn gewünscht. Warum stehen hier eigentlich
keine Stühle, denken meine lethargischen
Beine.
Ritter ist durchweg sympathisch. Schrammelt sich
eine halbe Stunde lang durch packende Stücke,
wie "Kathleen" oder "Snow is gone",
die viel organischer, als auf Platte klingen.
Er plaudert selbstbewusst und vergnügt: nach
einer kurzen Lästerei über das kürzlich
durchtourte Oslo ("Berlin is much nicer than
Oslo") kündigt er verschmitzt "I'm
tryin hard to love you, you don't make it easy,
babe" an. Alle lachen. Kurz vor Schluss tönt
aus der Menge ein anerkennendes, aber herrlich
trockenes "Schön" zu Ritter hinüber.
Erneut vibriert das Zwerchfell. Der junge Songwriter
beendet sein Set mit einem kargen und anrührenden
"Lawrence, KS", das er dem großen
Johnny Cash widmet. 'Preacher says when the Master
calls us/ He's gonna give us wings to fly / But
my wings are made of hay and corn husks / So I
can't leave this world behind.'
Nach großem Applaus für Ritter dauert
es noch eine Weile, bis Damien Rice und seine
Mitstreiter auf die Bühne kommen. Doch dann
ist es soweit. Die Herren und Damen aus Irland
nehmen auf kleinen Hockern Platz. Also eher ungewöhnlich,
im Vergleich zu anderen Konzertberichten oder
den Bootlegs, wo sie stehend das Haus gerockt
hatten.
Nun sind wir also überraschenderweise auf
einem der eher intimen, leiseren Konzerte der
Band um den Singer/Songwriter von der grünen
Insel gelandet. Tomo (Tom Osander) an den Percussions
(darunter die trommelartigen Congas) und Shane
Fitzsimons am Bass rücken deshalb mehr in
den Hintergrund. Rice präsentiert sich ungewohnt
wortkarg, lächelt kaum und scheint auch sonst
alles nur routiniert herunterzuspielen. Natürlich
schaffen es Songs, wie "Volcano", "Face",
"Eskimo", "Woman like a man"
oder das gespenstische "Cold water"
immer noch berührend zu wirken, aber irgendetwas
fehlt heute. Ob sich so etwas, wie "Tourmüdigkeit"
eingeschlichen hat? Ein Wunder wäre es nicht.
Hat die Band doch in letzter Zeit fast ununterbrochen
den halben Erdball bereist. Oder ist Rice nur
an diesem Mittwoch etwas Spezielles über
die Leber gelaufen?
"Damo, tell us a story!" fordert freundlich
ein Mädchen aus dem Publikum. Sie hat ebenfalls
bemerkt, dass mit Rice etwas nicht stimmt.
"What's wrong with you, Damo?" schallt
es deshalb folgerichtig aus einer anderen Ecke.
"Oh, I'm just pissed off" antwortet
Rice endlich.
"Why?" Tja, warum denn nur?
"Do you ever tell to anyone why you are pissed
off? It's a secret."
"But still a good concert!"
"Or do you want me to wear a fake smile?
What kind of an audience is that?" sagt er
mit verzogenem Gesicht, ein süß-saures
Lächeln auf den Lippen. Für einen kurzen
Moment herrscht peinliche Stille.
Erst gegen Ende des Konzertes scheint er sich
ein wenig zu erholen und erzählt doch noch
eine seiner berüchtigten "Once upon
a time..."-Geschichten. Diesmal geht es um
einen Mechaniker, der heilende Hände besitzt
und deshalb zum Messias avanciert.
Die heimlichen Stars des Abends stimmen dann
auch noch halbwegs versöhnlich. Lisa Hannigan
mit ihrem einzigartigen stimmlichen Organ, die
zuweilen entrückt auf der Bühne sitzt,
aber dennoch sichtlich Gefallen an diesem Abend
findet. Vyvienne Long, eine fabelhafte Cello-Spielerin
und dafür auch recht passable Sängerin,
intoniert die kultigen Cover-Versionen der Klassiker
"Come together" und "Seven nation
army" auf sehr coole und bestechende Weise
und hat damit das johlende Publikum auf ihrer
Seite.
Was wäre diese Band nur ohne Lisa und Vyvienne?
(hm)
Fotografin: Sarah Ehrhardt
Net_1: www.damienrice.com
Net_2: www.joshritter.com
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