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Text und Interview aus dem Jahre 1995.
Tatsächlich, es scheint als wäre
die Rechnung des Herrn Orpheus aufgegangen.
Sun God, das Projekt von Marcus Giltjes, Patricia
Niagani und Rodney Orpheus hat wirklich nicht
mehr all zuviel mit dem gängigen Rock’n
Roll Klischee gemeinsam. Die Drei scheinen sich
von Song zu Song immer mehr in ihre Welt des
Voudous (franz./-haitianische Schreibweise)
zu vertiefen und ein Tor der neuen Hörgewohnheiten
aufzuschlagen.
"Marcus und ich arbeiten viel bei anderen
Bands und Projekten. Marcus ist z. B. bei Girls
Under Glass und Pink Turns Blue tätig und
half auch schon einige Male bei diversen Liveaktivitäten
von Cassandra Compex aus. Als ich mich mit Marcus
traf, sprachen wir über die Musik, die nichts
mit der üblichen Rock’n Roll-Instrumentierung
zu tun hat; also nur Drums und Stimmen.",
erklärt Rodney die Idee zu Sun God. Es scheint
ganz so, als hätte sich Herr Orpheus sehr
intensiv von William Gibsons Roman "Biochips"
inspirieren lassen und ist so in erstmaligen Kontakt
mit dem Thema Voudou gekommen. "What!!??
(eine kurze Weile muß Rodney überlegen)
... du meinst "Count Zero" (so lautet
der Originaltitel von "Biochips"). Darauf
ist bis jetzt noch niemand gekommen. Als ich den
Roman laß, stieß ich auf die Ideen,
mit denen ich mich auch schon einmal beschäftigt
hatte. Wenn sich die Computertechnik noch stärker
weiterentwickelt, wie es bisher der Fall ist,
dann gehen wir mehr denn je in die Nähe der
alten magischen Systeme. Denn Computertechnik
ist mehr oder weniger wie Magie. Die Computer
sind quasi die Götter, die wir Menschen kreieren
werden. Doch diese Götter scheitern förmig
daran, da sie keine eigene Identität und
Kraft besitzen. Sud God ist mehr so aus einem
ähnlichen Prozeß. wie es bei Gibsons
Neuromancer Trilogie der Fall war, entstanden."
Auf die Frage, wie Rodney das Thema Voudou mit
den Loas und Pferden schildern würde, wird
Herr Orpheus sehr präzise. "Okay, das
Zentrum der Voudou-Religion ist, daß die
Götter auf die Erde kommen, indem sie in
die Körper auserwählter Menschen fahrern.
Wenn man von Voudou spricht, geht es um die direkten
Erfahrungen mit Göttern. Manchmal kommen
die Götter, also die Loas, auf die Erde und
die Auserwählten sind die Pferde, ihre Körper
sind für eine kurze Zeit ein Instrument der
Götter. Für viele Leute in unserer Gesellschaft
ist das sehr schwer zu verstehen. Die Götter
kommen auch nicht zu Menschen, die nicht 'geritten'
werden wollen. Es muß vom Menschen der freie
Wille vorhanden sein, sonst gehört man nicht
zu den Auserwählten. In den christlichen
Religionen gibt es immer einen Priester oder den
Papst, der zwischen den Gläubigen und Göttern
steht. In der Voudoukultur ist das nicht der Fall.
Die Leute können direkt und unverfälscht
hören und begreifen was ihnen offenbart wird,
indem sie durch die sogenannten Pferde mit den
Göttern sprechen können."
Der Opener der Sun God Cd ist nach einer bekannten
Voudou-Gottheit benannt. "Ja, stimmt. Legba.
Das Symbol, welches das Cover unseres Albums schmückt,
ist ein Vever. Ein Vever ist mehr als nur ein
Symbol, es ist wie eine Tür (the gateway)
zu unserer Welt. Jeder Gott hat ein Vever. Und
Legba ist in etwa vergleichbar mit den griechischen
bzw. römischen Religionen angehörenden
Götter Hermes bzw. Mercurius. Er ist der
Gott der Sprache; er steht irgendwo zwischen den
Menschen und den anderen Göttern. Er ist
außerdem der Herr der Magie, Kreativität
und Sexualität – halt alles was mit
Kommunikation zu tun hat. Das ist auch der Grund,
warum wir uns entschieden, sein Vever auf das
Cover zu nehmen. Weil wir auf unserer Platte durch
uns die Götter sprechen lassen; eine Kommunikation
mit dem Zuhörer." Eine Aussage, die
jetzt eventuell von Leuten, die sich mit dem Voudou
noch nicht so intensiv auseinander gesetzt haben,
fehlinterpretiert werden könnte.
Die Livekonzerte, die im November stattfinden
sollen, werden mit Hilfe von zwei Percussionsisten
und Patricia und Rodney als Vocalisten den Hörer
in den Bann des Sun God Rituals ziehen. Zum Glück
wird es keine Opfer (wie z. B. Hühner) geben.
"Oh nein, ganz bestimmt nicht. Patricia ist
Vegetarierin und außerdem lehnen wir so
etwas ab. Aber viele Bands haben Hühner und
Würstchen im Backstagebereich, die sie dann
vertilgen. Wie oft habe ich schon diese McDonalds-Tüten
gesehen... Ich muß sagen, daß ich
mehr Respekt vor einem Menschen habe, der selbst
Tiere erlegt, um sie dann zu verspeisen, als vor
jemanden, der zu McDonalds geht."
Nach der Jahrensendtournee wird Rodney seine Arbeit
mit Cassandra Complex fortführen. "Momentan
kann ich noch nichts über das neue Cassandra
Complex Album sagen. Es wird voraussichtlich im
April/Mai nächsten Jahres fertig sein. Außerdem
kann man im nächsten Jahr noch mit einem
weiteren Sun God Werk rechnen. Meine Arbeit als
Producer für andere Gruppen wird dann den
Rest der Zeit in Anspruch nehmen."
(bz/sz)
Net_1: www.rodneyorpheus.de/sungod/
Net_2: myspace.com/rodneyorpheus

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