Ohne Zweifel gehört John Fryer zu den gefragtesten
Produzenten aus England. Seit den frühen
achtziger Jahren arbeitet John kontinuierlich
an verschiedenen Musikproduktionen. So produzierte
John Fryer Bands wie zum Beispiel Wire, Lush,
Cocteau Twins, Love & Rockets, Moev, Stabbing
Westward, Andrea Parker, Yazoo oder Paradise
Lost, um nur einige zu nennen.
Anfang des Jahres trafen wir uns mit John Fryer
in einer kleinen gemütlichen Londoner Bar,
um mit ihm über sein neu gegründetes
Label Something To Listen To zu sprechen.
Seit wann hattest du die Idee ein eigenes
Label zu gründen?
Ich habe schon vor langer Zeit mit dem Gedanken
gespielt, ein eigenes Label zu führen.
Aber irgendwie war die Zeit damals noch nicht
reif. Der richtige Zeitpunkt ist nun gekommen.
Es scheint so, als wäre jetzt der Weg für
kleine feine Labels geebnet. Die großen
Majors haben ihren Pfad verlassen und befinden
sich in einer Einbahnstraße. Die Internet-Revolution
hat schon lange begonnen und das ist die Zukunft
- und die Zukunft ist hier und jetzt.
Also erst einmal keine CD- oder Vinyl-Produktionen,
die man im Plattenladen kaufen kann?
Genau. Ein Internet-Label ist auf jeden Fall
kostengünstig und du kannst mehr Leute
erreichen, wenn du es geschickt anstellst. Ich
denke da wird es noch einige heftige Veränderungen
in der Musikindustrie geben.
Das hat David Bowie auch schon prophezeit...
Diese katastrophale Situation, in der sich die
Plattenfirmen zur Zeit befinden, haben sie sich
zum Teil selbst zuzuschreiben. Wie lange hat
es gedauert, bis sie sich um das Medium Internet
vernünftig befasst haben? Man hätte
der Piraterie schon viel früher etwas entgegen
setzten können. Dann kommt noch hinzu,
das man lieber irgendwelche Boy- und Girlbands
unter Vertrag nimmt und richtige Bands und Musiker
gar nicht mehr zum Zuge lässt.
In Deutschland interessieren sich die
Majors hauptsächlich für irgendwelche
"Pop-Star-Search-Geschichten"...
Oh ja. Grauenhaft! Diese Sendungen laufen hier
auch sehr erfolgreich. Und wenn Du dann das
Musikfernsehen einschaltest, siehst du nur noch
diese Britney-Tanten. (GRINST)
Magst du Britney Spears nicht?
(WIR GRINSEN UNS GEGENSEITIG AN)
Ich denke sie solle das Genre wechseln.
Etwa Pornofilme drehen?
Vielleicht. Musik ist nicht ihr Ding. (WIR LACHEN)
Und was ist mit Christina Aguilera?
Hey, nichts gegen Christina - die ist cool.
(WIR LACHEN) Was hälst du von Kylie Minogues
Song "Slow"?
Ich bin kein Kylie-Fan.
Also ich ja nun auch nicht, aber das elektronische
Arrangement an diesem Song gefällt mir
sehr gut.
Auf deinem Label befinden sich schon
eine Menge Bands.
Es gibt etliche Bands und Künstler mit
großem Potential ohne Label geschweige
denn einem Plattenvertrag. Das ist aber nicht
nur hier in England sonder überall der
Fall. Wir wollen mit Bands zusammenarbeiten,
die eben noch unter keinem Vertrag sind. Durch
meine Arbeit als Produzent bekomme ich natürlich
sehr viele Demos. Es macht viel Spaß sich
dort durchzuhören. Alles was mir gefällt
oder eine Chance verdient hat, möchte ich
via 'Someting To Listen To' publik machen. Ganze
zehn Bands sind schon auf Someting To Listen
To vertreten. Das geht von Indie-Rock über
LoFi-Pop bis hin zu Electro-Punk. Neben Bands
wie Sundealers, Licky, Plastic Toys, Living
With Eating Disorders, Prince Jellyfish
sind auch Audiodummi (featuring Lila Satori
& Ville Valo of HIM) vertreten. Es wird
in der nächsten Zeit also noch so einiges
passieren. Wir werden dem User demnächst
mehrere Tracks zum Download anbieten. Natürlich
zu einem erschwinglichen Preis. Viele bekannte
Pop- und Rock-Bands bieten das ja schon auf
ihren Webseiten an.
Handelt es sich bei den Internet-Releases
um Digital-Singles/Alben?
Richtig. Aber zuerst werden wir ein paar Eps
zur Verfügung stellen. Drei Original-Tracks
sowie drei Remixe. Du kannst entweder eine komplette
EP downloaden oder individuell die Tracks selbst
zusammenstellen. Natürlich wird es auch
für jede Veröffentlichung Artwork
zum ausdrucken geben.
Mit welchen Veröffentlichungen
kann man demnächst rechnen?
Den Anfang werden Licky, Sundealers und Esoterica
machen.
Was hältst du von einer Something
To Listen To Label-Tour?
Die Idee ist gut und ich habe darüber auch
schon nachgedacht. Aber im Moment sind natürlich
die Veröffentlichungen wichtiger. Es gibt
aber bereits ein paar Tourneen mit zwei bis
drei Bands aus dem Hause Something To Listen
To. Die neuesten Daten findet man auf unserer
Website sowie auf den Sites der jeweiligen Bands.
Laß uns kurz über This Mortal
Coil sprechen. Auf der Website
von Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre (Remake
des Tobe Hooper Kultfilms) befindet sich der
Song "Song To The Siren".
Das Projekt This Mortal Coil bestand damals
aus Ivo (Gründer vom Label 4AD) und mir.
Für eine Shampoo-Werbung hat man die This
Mortal Coil Version schon einmal rausgeholt.
Damals war es aber nicht die Version mit Elisabeth
Frasier (Cocteau Twins). Es gibt ja bereits
etliche Remakes von "Song To The Siren".
Als ich zum Beispiel vor einigen Jahren mal
eine zeitlang in Deutschland war, sah ich im
Musikfernsehen eine schreckliche Dance-Version
von "Songs To The Siren". Der Original-Song
stammt von Tim Buckley und wurde zum ersten
mal in der TV-Show The Monkees im Jahre 1967
aufgeführt. Das Stück auf der Texas
Chainsaw Massacre-Website klingt stark nach der Cocteau Twins-Version*.
Zu finden auf folgenden This Mortal Coil Alben:
"Sixteen Days - Gathering Dust" (1983)
und "It'll End In Tears" (1984). Das
Interessante daran ist, das auf dem Cover von
"Sixteen Days" ein Haus abgebildet
ist. Ein Spiegelbild, welches dem Familienhaus
des Original Texas Chainsaw Massacre Films sehr
ähnelt. Komisch, das Ivo den Song freigegeben
hat. Er war immer gegen so etwas. Einzige Ausnahme
war David Lynch.
Kannst du dich noch an den ersten großen
UK Indie-Hit erinnern?
Oh ja! M/A/R/R/S mit "Pump Up The Volume",
die erste Indie-Platte, die es in England auf
Platz 1 in den Charts schaffte. (FÄNGT
AN ZU SCHERZEN) Ich glaube ich war acht Jahre
alt, als ich an dieser Scheibe gearbeitet habe.
(ALLE LACHEN)
An welchen Produktionen arbeitest du
gerade?
Neben der Labelarbeit produziere ich gerade
die neuen Songs von Cradle Of Filth und Helene.
Ich denke von Helene wird man noch einiges hören
- sie sind einfach grandios. Check it out! Neben
diesen zwei erwähnten Bands sind noch eine
Menge andere Produktionen in der Pipeline...
(bz)
*
Anmerkung: es handelt sich um eine 44 sekündige extra für
den Filmtrailer eingespielte Coverversion. Ex-Moneypenny-Sängerin
Renee Firner hat hierbei den Gesangspart übernommen.
Net_1: www.somethingtolistento.com
Net_2: www.johnfryer.net
Net_3: myspace.com/johnfryerproducer
Net_4: www.texaschainsawmovie.com/2003/
