Vor ihrem Konzert
im Berliner Magnet Club nahmen sich Sänger
Jan Elbeshausen und Drummer Andre Frahm von
Marr Zeit für meine Fragen. Wir sprachen
über ihre Tour und das schöne Gefühl,
Musik zu machen.
Eure Tour geht diese Woche zu Ende
- wie lief sie bisher? Seid ihr zufrieden?
Andre: Echt eine
Spitzen-Tour! Vom Zwischenmenschlichen bis hin
zu den Zuschauerzahlen hat alles gestimmt. Ich
bin sehr überrascht, dass alles so gut
läuft und wir einen Besucherdurchschnitt
von ca. 170 Leuten haben. Die Platte ist ja
erst seit knapp vier Wochen draußen und
dafür ist das sehr sehr gut. Einige Leute,
die schon lange im Booking-Geschäft tätig
sind, sind sogar überrascht, dass es so
nach vorne geht. Auch die Resonanz in der Presse
ist groß.
Und wie reagiert euer Publikum auf
euren Konzerten, singen sie schon alles mit?
Jan: Es ist das
erste Mal, dass wir uns mit den wirklichen Reaktionen
des Publikums auseinander setzen. Mit den EPs
haben wir uns erst mal nur nach draußen
gewagt, aber das Album ist jetzt wirklich offiziell.
Es ist nicht so, dass die Leute die Stücke
kennen oder mitsingen. Sie feiern nicht unbedingt
in den ersten Reihen ab, ist vielleicht auch
nicht die Musik dazu. Vielleicht ist Marr auch
gar nicht so eine Mitsing-Band.

Die Leute singen auch bei Elektro-
und Synthi-Pop-Bands mit ...
Jan: Na ja, ok
... (GRINST)
Wir sind übrigens mit Finn unterwegs, einer
Band aus Hamburg, Freunde von uns. Das war eine
gute Erfahrung. Wir wollten nicht einfach ins
Blaue hineinfahren und dann erst gucken, mit
wem wir zusammen spielen. Also haben wir gesagt,
wir fahren zusammen los und das klappt sehr
gut.
Wie übersetzt ihr den Titel eures
Albums "Express And Take Shape"?
Jan: Grob umrissen
geht es um einen Prozess, in den man sich hinein
bewegt, sobald man aus einer Phase der Orientierungslosigkeit
und Unzufriedenheit eine Idee für sich
entwickelt hat, die man gerne umsetzen möchte.
Und in diesem Fall ist es das Konzept, eine
Band zu finden und Musik zu machen. Und dann
überlegst du dir das und versuchst die
Idee irgendwie umzusetzen. Das ist eine Berg-
und Talfahrt und ein ziemlich steiniger Weg.
"Express And Take Shape" drückt
das für mich aus. Den Versuch, den Wunsch
umzusetzen und eine Form dafür zu finden,
die für mich einen Sinn ergibt. Und in
diesem Prozess sind wir mit Marr zur Zeit bzw.
seit wir mit Marr angefangen haben.
"Express And Take Shape" drückt
eine Ambition und einen Anspruch an die Herangehensweise
des Musikmachens aus. Ganz konkret ist es wahrscheinlich
ein künstlerisches Coming-out. Dann tauchen
auch auf einmal die ersten Zweifel auf, Kann
ich das überhaupt? Interessiert es irgend
jemanden? Was soll das alles? Aber irgendwie
glaubst du trotzdem daran, dass es da ist, sonst
hättest du den Wunsch und den Drang nicht
danach. Es ist halt immer ein Wechselspiel.
Das ist aber auf alle anderen Jobs
oder Berufe auch übertragbar.
Jan: Sicherlich,
das kannst du auf alles umlegen. Für mich
steht "Express And Take Shape" jedoch
in Zusammenhang mit dem Musikmachen. Musik zu
gestalten, so dass es eine Selbstverständlichkeit
für mich annimmt. Und es ist keine Aufforderung
an andere, etwas zu tun, sondern einfach der
Prozess einer Auseinandersetzung.

Wie beschreibt ihr eure Musik?
Andre: Sehr energetisch
und natürlich sehr gitarrenlastig. Auf
jeden Fall im Indie-Gitarrenrock-Bereich angesiedelt.
Diese Frage führt musikalisch auf die Express-And-Take-Shape-Frage
zurück. Der Prozess, den wir im Studio
hatten, war für mich sehr interessant.
Es gab gewisse Koordinaten, zum Beispiel gewisse
Gitarrenmelodien bei Travis oder The Mars Volta.
Obwohl ich mit letzteren nicht so recht konform
gehe. Im Nachhinein war dies aber ein sehr guter
Weg, nicht nur, sich an der Herangehensweise
anderer Bands zu orientieren. Gerade durch die
Schule von Swen Meyer, der uns hervorragend
unterstützt und uns natürlich auch
'produziert' hat, hat sich der Sound und die
Band weiter entwickelt. Letztendlich ist das
Album ein bisschen poppiger geworden als wir
am Anfang dachten. Das ist aber mein ganz persönliches
Bild. Musik zu beschreiben finde ich immer relativ
schwierig.
Jan: Bei Marr kann
man immer davon ausgehen, dass Gitarre, Bass,
Schlagzeug und Gesang klassische Konstanten
sind. Wir sind eine Rockband. Aber die Art und
Weise, wie wir Musik machen und wie wir Musik
hören oder was uns interessiert, das ist,
glaube ich, ziemlich offen. In dem Moment, wo
wir zu viert in einen Raum gehen und Stücke
fertig schreiben, da kommen vier Individuen
zusammen und dann tauschen wir uns aus und es
kommt etwas dabei heraus, was dann klingt, wie
unsere Band.
Wie schreibt ihr eure Songs?
Jan: Ich schreibe
Texte parallel zur Musik. Vom Songwriting her
ist es so, dass die Ideen meistens von Dennis
oder mir kommen. Dann treffen wir uns zu viert
und setzen sie um. Wir versuchen es, demokratisch
in eine Form zu bringen.
Ist ja eigentlich auch der spannendere
Weg.
Jan: Ja, denn hinterher
hast du dann den Moment, dass es für alle
kickt. Nicht, dass nur du als Songschreiber
das Gefühl hast, mal wieder eine große
Tat vollbracht zu haben. (LACHT)
Andre: Diesen ganzen
Prozess - da, wo das Lied anfängt und da,
wo es letztendlich ankommt - finde ich bei Marr
sehr spannend. Einen Song zu hören, zu
spielen, aufzunehmen, wieder anzuhören,
bis auf einmal bei allen das Gefühl da
ist, dass es genau das ist, was wir machen wollen.
Dann kickt es für alle. Und alles kommt
wieder auf einen Punkt: die Einflüsse,
die Herangehensweise anderer Bands, die letzten
Jahre, in denen wir alle auf verschiedenste
Weise Musik gemacht haben.
Und wenn man dann noch auf der Bühne steht
und merkt, dass der Song wirklich funktioniert
und Leute danach ankommen und ehrliche Statements
abgeben, dann das ist ein gutes Gefühl.
Das macht Spaß und ist das, was Marr,
glaube ich, einen Tick besonders macht.
Es kommen viele Leute an und sagen, irgendwie
haben wir zwar schon mal gehört, was ihr
so spielt, trotzdem ist es was Eigenes. Es ist
individuell und sehr authentisch. Und das kommt
von Leuten, die schon lange Musik hören
und sich intensivst damit beschäftigen.
Das ist dann ein schönes Gefühl und
resultiert ebenfalls aus der Band.
Mein Lieblingssong von eurem Album
ist ja "Are you there?"
Jan: (FREUT SICH)
Schön!
Ja, allerdings weiß ich nicht
so genau, worum es in dem Song geht, da ich
keinen Songtext gefunden habe. Warum ist es
so schwer an eure Texte heranzukommen?
Jan: Beim Booklet
haben wir uns darauf beschränkt, Auszüge
aus den Texten abzudrucken. Vielleicht stellen
wir die Texte nach der Tour auch auf die Homepage.
Vielleicht interessiert es jemanden, vielleicht
aber auch nicht. Ich denke immer, dass ich nicht
unbedingt etwas mitzuteilen habe. Ein Text ist
für mich eher ein Ausdruck und gleichbedeutend
mit der Musik. Es kamen aber schon öfter
Kommentare, dass man Sachen nicht verstehe.
Ich freue mich darüber. Ich will mich damit
auch nicht verstecken.
Könnt ihr von eurer Musik schon
leben?
Andre: Davon leben
können wir noch auf keinen Fall. Wir haben
Nebenjobs und versuchen, alles auf eine Ebene
zu bringen, auf der man leben kann. Olli und
Dennis schlagen sich zudem mit Tomte durch und
bei Marr fängt es jetzt langsam an. Wir
haben natürlich alle sehr viel investiert,
nicht nur Zeit. Insofern muss jetzt erst mal
ein bisschen was reinkommen. Ich glaube, wir
sind da gerade auf einem ganz guten Weg, aber
es ist auch nicht das oberste Ziel, nur davon
leben zu können. Da geht es noch um viel
mehr. Wenn man es will, dann schafft man das.
Dann geht's halt einfach.
Was kommt nach der Tour?
Jan: Wir spielen
noch drei Termine und danach kommen auch schon
bald die Festivals, unter anderem das Immergut
und das Berlinova. Eventuell spielen wir noch
auf ein paar anderen diesen Sommer, es ist noch
nicht alles definitiv. Olli und Dennis haben
auch noch mit Tomte Konzerte und wir machen
uns auch schon Gedanken über eine nächste
Tour. Aber diese Tour rundet das Album jetzt
erst mal ab.
Andre: Wir drehen
auch noch ein zweites Video, eine zweite Single
sozusagen, obwohl wir noch nicht mal die erste
ausgekoppelt haben.
Was war die nicht ausgekoppelte erste
Single?
Andre: "JD
Mac Kaye". Dazu gibt's ein Video, das auf
den einschlägigen Musiksendern auch schon
mehrmals gespielt wurde. Man kann es sich auch
von unserer Seite runterladen. Mal sehen, welchen
Song wir uns als nächstes vornehmen.
Dann gibt's auch noch zwei, drei Sachen, die
wir machen wollen, um musikalisch weiter zu
kommen. Erst die Festivals, parallel einige
Wochenend-Konzerte, im Herbst/Winter eine weitere
Tour und dann ist das Jahr auch schon fast vorbei.
Wir brauchen jetzt aber erst mal eine Pause,
denn es ist nicht nur die Tour, die hinter uns
liegt, sondern es war echt ein Prozess. Vor
einem Jahr haben wir unsere zweite EP aufgenommen
und sieben Monate später sind wir ins Studio
gegangen und haben unser Album eingespielt,
das Video gedreht, zwischendurch zwei Touren
im letzten Jahr, Olli und Dennis waren auch
noch mit Tomte unterwegs und so weiter. Es war
schon eine Menge, was die letzten zwölf
Monate passiert ist. Wenn ich das alles so Revue
passieren lasse, überrollt mich das gerade
so ein bisschen. (LACHT)
Jan: Ich habe eh
nie Geduld, mich auszuruhen, hab' dazu auch
gar keine Lust. Wir haben lange genug darauf
gewartet, dass das so passiert, wie wir das
jetzt machen und ich will immer weiter. Aber
das, glaube ich, wollen wir alle. Und deswegen
machen wir weiter wie gehabt und hoffen, dass
alles weiter wächst und wir mit der Band
immer noch weiter kommen.
(sf)
Fotografin (live): Stefanie Frey
Fotograf (Promo_1): Miguel Ferraz Araujo
Fotograf (Promo_2): Ronald Mencke
Net: www.marr-music.de
