Hinter Senor Coconut verbirgt sich kein geringerer
als Uwe Schmidt. Viele kennen ihn unter Namen
wie zum Beispiel Lassigue Bendthaus, The Bitniks,
Datacide, Flanger (zusammen mit Burnt Friedman
aka Bernd Friedmann alias Nonplace Urban Field,
Ex-Drome, Ex-Some More Crime), Lisa Carbon oder
Atom Heart (heute nur noch Atom mit dem Trademark-Zeichen).
Bekannt wurde Herr Schmidt mit seinem Lassigue
Bendthaus Debüt-Album "Matter"
aus dem Jahre 1991. Eindrucksvoll kombinierte
Uwe ästhetische Klangstrukturen voller
dynamischer Rhythmik und ambitionierten Soundscapes.
Schon damals bekam Uwe Schmidt für seine
hervorragende Arbeit sowohl im Techno als auch
im Electronic Body Lager sehr viel Zuspruch.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Musik
von Uwe in vielen verschiedenen musikalischen
Richtungen, wodurch sich die vielen verschiedenen
Projekte Schmidts erklären. Außerdem
hat Uwe unter anderem mit Künstlern wie
Bill Laswell und Pete Namlook gearbeitet. Vor
drei Jahren konnte Herr Schmidt als Senor Coconut
mit der LP "El Baile Alemán"
für Aufsehen sorgen. Auf jenem Album waren
zehn Latino-Versionen von alten Kraftwerk-Klassikern
zu hören. Um die Tracks auch Live vorzustellen
arrangierte Senor Coconut eine Band, mit der
er dann auf Tour ging. Auch in diesem Jahr war
Coconut mit seinen Orchester (besteht aus sechs
Dänen und den Venezolaner Argenis Brito)
unterwegs, um sein neues Album "Fiesta
Songs" vorzustellen. In Hamburg unterhielt
ich mich mit dem sehr sympathischen und humorvollen
Musiker.

Hast Du das neue Album "Fiesta
Songs" diesmal mit der Band eingespielt?
"Nein, das Album ist mal wieder selbst
ausgedacht, selber produziert und abgemischt."

Auf dem neuen Longplayer findet man
diesmal unter anderem Chachacha-, Cumbia-, Merengue-
und Baklan-Versionen von "Smoke On The
Water" (Deep Purple), "Riders On The
Storm" (The Doors), "Smooth Operator"
(Sade) oder "Beat It" im Original
von Michael Jackson. Handelt es sich hierbei
um Lieblingsstücke?
"Ne, das sind Songs, die ich selber ausgesucht
habe. Ich habe in der letzten Zeit viel Popmusik
gehört. Hin und wieder tauchen die Lieder
bei mir im Kopf als Chachacha Versionen auf.
Diese Songs hatten sich während der Aufnahmezeit
quasi gerade angeboten. Das sind absolut keine
Favoriten von mir. (KURZE PAUSE) Okay, bis auf
den Lation-Klassiker "Negra Mi Chachacha".
Den Song mag ich sehr gerne. (ÜBERLEGT
KURZ) Vielleicht der einzige Song, der auf das
Album gekommen ist, der mir ganz gut gefällt."
Und wie war das bei den Kraftwerk-Tracks?
"Nein, das waren auch keine Favoriten.
Aber bestimmt auch keine Songs, die ich nicht
mochte. Aber ich habe Kraftwerk nie bewußt
gehört. Ich hatte keine Kraftwerk-Platte,
als ich mit der Produktion zu "El Baile
Alemán" begonnen hatte. Die sind
in meiner musikalischen Prägung ein wenig
an mir vorbeigelaufen. Als ich anfing Musik
zu machen, hatten Kraftwerk eine sehr, sehr
lange Pause. Anfang und Ende der siebziger Jahre
haben Kraftwerk ihre besten Sachen veröffentlicht,
damals habe ich mich noch gar nicht so stark
für Musik interessiert. Die Titel sind
auch aus dem Unterbewußtsein aufgetaucht.
Ich konnte die Lieder mitsummen, ohne die Songs
jemals so richtig gehört zu haben geschweige
denn eine Platte von ihnen in meiner Sammlung
war. (naja *g* , aber ich kann das nicht so
ganz glauben...hat man Senor Coconut doch letztes
Jahr auf dem Kraftwerk-Konzert in Frankreich
im Publikum gesichtet und die Parallelen zu
Kraftwerk in einigen Produktionen sind nicht
zu überhören – der Verfasser)
Das war für mich so ein Zeichen, dass es
funktionieren kann."
Du hast doch damals in Frankfurt bei
BOY RECORDS gearbeitet.
"Ach ja, Boy Records. Da habe ich damals,
als ich studiert habe, gejobbt. Ich war da als
Student angestellt und habe im Plattenversand
gearbeitet. Ich war dort aber nur kurze Zeit
beschäftigt. Da habe ich dann den Laiki
Kostis vom Parade Amoureuse Label (dort sind
die ersten Lassigue Bendthaus Platten erschienen
– der Verfasser) kennengelernt."
Was ist aus Lassigue Bendthaus geworden?
"Gibt es nicht mehr. Das war auch so ein
Projekt, was sich in den Jahren so weiter entwickelte.
Was dann in einem Album endete, welches sich
im Vergleich zu anderen Projekten, die ich parallel
laufen hatte, sehr ähnelte. Ich habe die
wichtigen Elemente in noch existierenden Projekte
fusionieren lassen. Eigentlich ist Lassigue
Bendthaus in Atom Heart übergegangen."
Wird es neuen Output von Atom geben?
"Klar, aber erst Anfang nächsten Jahres."
Auf deinem Label Rather Interesting
hast Du vor einiger Zeit ein australisches Duo
Namens The Stereonerds gesigned.
"Ja, (FÄNGT AN ZU GRINSEN) das bin
ich auch. Das hat wohl diesmal jeder geglaubt
(Verfasser ist baff) ...hat wohl fast jeder
geschluckt. Das kommt davon, wenn die Presse
immer die Infos kopiert, die man ihnen schickt
und nicht recherchiert wird. Dann kommt immer
so ein Quatsch, den man sich ausgedacht hat,
in die Magazine. Andere Leute denken sich anderen
Quatsch aus, der mehr gelogen ist als gespielt.
Diese bewußte Verstreuung von Fehlern
ist was für Spieler. Aber es gibt Leute,
die in ihren Infos lügen und die Presse
das dann einfach abdruckt. Zum Beispiel Namedropping.
Ich finde das ganz witzig. (LACH, LACH) Ich
streue in meinen Infos immer ganz gerne irgendeinen
Unsinn ein, der dann irgendwo wieder als Wahrheit
auftaucht. Ich denke mir immer selber Pressezitate
aus und schreibe die in meine Infos rein. Wenn
diese Zitate dann drei bis vier mal kopiert
wurden, sind die ja mal irgendwann Wirklichkeit.
Denn die Information ist dann durch so viele
Hände gegangen..."(WIR FANGEN BEIDE
AN ZU GRINSEN)
Im Jahre 1997 bist du nach Santiago
De Chile gezogen. Kein Lust mehr nach Frankfurt
zurück zu ziehen?
"Nein, bloß nicht. (LACH, LACH) Ich
finde es immer beengender hier in Deutschland.
Das ist so mein subjektiver Eindruck des Ganzen.
Ich habe zwar noch viele persönliche Kontakte
in Frankfurt zu Freunden, Musikern und Labels.
Wir besuchen uns aber in regelmäßigen
Abständen. Das geht dann schon..."
Wurdest Du noch zum König von
Chile gekürt?
"Was!? (FÄNGT AN ZU LACHEN) Wo hast
Du denn das gelesen? (LACH, LACH) Ne, das war
so ein Witz von mir. Ich habe mal gesagt, ich
würde ein Staatsstreich durchführen
und mich selber zum König von Chile erklären.
Ich habe den Plan komplett ausgearbeitet. Das
war mal so ein running Gag im Backstage. Ich
weiß nicht warum und wie der da hin gekommen
ist... Also ich finde das wirklich gut...ist
aber nichts konkretes."
Gibt es in Chile auch Musikszenen,
die sich zum Beispiel für elektronische
Musik interessieren?
"Doch, doch. Die sind halt nur sehr klein.
Mittlerweile gibt es sogar eine Techno-Szene.
Das ganze hat sich so ziemlich gut etabliert.
Einige große Marken sponsern dann schon
mal Parties. Wobei das schon eher so eine Mainstream-Schicki-Micki-Szene
ist. Aber es gibt auch Rock, Hip Hop, Funk.
Es gibt eigentlich alles. Nur wesentlich kleiner
als hier in Deutschland. Ab und zu, wenn ich
Lust habe, trete ich auch mal auf privaten Parties
bei meinen Freunden in Chile als Atom auf."
Vor einiger Zeit hat Atom Remixe für die
Martin L. Gore Single "Stardust" beigesteuert.
Im August wird dann Martin für die nächste
Senor Coconut Maxi "Smooth Operator"
(VÖ: August) an den Reglern sitzen.
(bz)
Net: www.atom-heart.com
